Ein Festzelt auf dem Oktoberfest hängt an rund 420 Kilowatt und braucht an den Spitzen über 500. Dasselbe Missverhältnis gibt es im Kleinen in fast jeder Location. Über Lastspitzen, die Verbraucher, an die niemand denkt, und warum eine Notversorgung nur zählt, wenn sie bis zum Ende durchdacht ist.
Ein Festzelt auf dem Oktoberfest hat einen Stromanschluss von rund 420 Kilowatt, so viel wie etwa zwanzig Einfamilienhäuser zusammen. An den Spitzen braucht es über 500.
Diese Lücke haben in diesem Jahr zwei Zelte mit großen Batteriespeichern geschlossen: Die springen ein, wenn es eng wird, und laden danach wieder nach (Bericht bei Production Partner). In den Jahren davor hatte es dort laut demselben Bericht Ausfälle im laufenden Betrieb gegeben.
Das klingt nach einer Münchner Sondergröße. Ist es aber nicht. Es ist derselbe Rechenfehler, den ich im Kleinen ständig sehe: Jemand schaut auf die Anschlussleistung einer Location, findet die Zahl beruhigend und plant los.
Die Zahl im Vertrag sagt nichts darüber, was gleichzeitig läuft
Was auf dem Papier steht, ist eine Obergrenze. Was im Saal passiert, ist eine Kurve, und die hat Spitzen.
Die entstehen nicht dort, wo man sie vermutet. Der kritische Moment ist fast nie die Show, sondern die Pause: Die Küche fährt hoch, die Kaffeemaschinen laufen alle gleichzeitig, die Heizstrahler draußen springen an, weil es kühler geworden ist. Dazu kommt, was ohnehin durchläuft – Kühlung, Lüftung, Technik.
Jeder Dienstleister rechnet dabei nur seinen eigenen Teil: Technik, Catering, Zelt, jeder für sich. Alle Zahlen sind richtig. Was fehlt, ist die Addition – und die Frage, wann alles gleichzeitig läuft.
Diese Addition macht niemand von allein. Sie ist Aufgabe von dem, der die Veranstaltung organisiert, und da bin ich inzwischen penetrant: Ich will von jedem Dienstleister eine Zahl und wissen, wann sie anfällt. Das sind zwei Mails und eine halbe Stunde. Wenn am Ende Luft bleibt, war es umsonst – und das ist der angenehmere Ausgang.
Die großen Verbraucher stehen selten im Technikplan
Hier liegt der eigentliche Denkfehler. Wenn über Strom gesprochen wird, redet man über Licht und Ton. Das sind aber nicht die Brocken.
Auf dem Oktoberfest ziehen allein die Heizstrahler im Außenbereich teilweise rund 150 Kilowatt pro Zelt, also mehr als ein Drittel des gesamten Anschlusses, nur für Wärme draußen. Übersetzt auf eine normale Veranstaltung heißt das: Alles, was heizt oder kühlt, kann schnell stärker zu Buche schlagen als die ganze Bühnentechnik zusammen. Mobile Klimageräte sind der Klassiker, Heizpilze auf der Terrasse der zweite, und beides kommt oft erst in der letzten Planungswoche dazu.
Dabei hilft eine Sache, die kaum jemand weiß: Strom kommt in einer Location nicht aus einem großen Topf, sondern über viele einzelne Leitungen, jede mit eigener Grenze. Deshalb frage ich bei neuen Positionen nicht zuerst nach dem Preis, sondern danach, an welcher Leitung sie hängen. Ein zusätzlicher Scheinwerfer ist kein Thema. Ein zweiter Heizpilz an derselben Leitung schon.
Absichern ja – aber bis zum Ende gedacht
Jetzt zu dem Punkt, bei dem ich streng bin. Eine Notversorgung – ob Batterie oder Generator – ist nur dann etwas wert, wenn sie das versorgt, worauf es ankommt. Nicht den Teil, den man gerade im Blick hat.
Das typische Bild: Zwischen Netz und Technik hängt eine Pufferbatterie. Fällt der Strom aus, läuft der Platz am Mischpult noch eine Weile weiter, und der Ton reißt nicht ab. Im Angebot steht das als USV, als unterbrechungsfreie Stromversorgung. Gut so. Nur ist das bei einer übertragenen Veranstaltung die halbe Strecke.
Wenn der Strom im Haus wirklich weg ist, ist er in der Regel auch in der Umgebung weg. Läuft der Stream über Mobilfunk, also über LTE oder 5G, hängen die Funkmasten draußen selbst am Stromnetz. Manche haben eine Batterie, die eine Weile überbrückt, manche kaum eine. Und weil die Nachbarstationen vom selben Ausfall betroffen sind, kann das Netz schneller weg sein, als man denkt. Darauf verlassen kann man sich jedenfalls nicht. Die Technik im Saal läuft dann tadellos weiter und sendet ins Leere.
Das ist kein Grund, auf die Notversorgung zu verzichten. Es ist ein Grund, sie als Kette zu denken: Pult, Übertragungstechnik, die Anbindung nach außen und das Haus, in dem beides steht. Ein Glied abzusichern und die anderen offen zu lassen, kostet Geld und bringt im Ernstfall nichts. Bei einer hybriden Veranstaltung gehört deshalb in jedes Konzept eine ehrliche Antwort darauf, was passiert, wenn die Leitung nach draußen wegbricht. Die heißt manchmal: Dann ist der Stream vorbei, und wir machen im Saal weiter. Das sage ich lieber vier Wochen vorher als live.
Was abgesichert wird, entscheidet der Ablauf
Alles abzusichern, ist weder bezahlbar noch nötig. Also wird ausgewählt, und zwar nach dem Programm.
Notbeleuchtung und Fluchtwegkennzeichnung gehören nach den einschlägigen Vorschriften auf eigene Kreise. Das klärt die Location mit ihrem Elektriker, nicht die Produktion. Alles andere entscheide ich über eine einzige Frage: Was muss weiterlaufen, damit wir die nächsten zehn Minuten überbrücken können?
Meistens ist die Antwort kurz. Ein Mikrofon, über das jemand etwas sagen kann. Genug Licht, damit der Saal nicht im Dunkeln steht. Bei einer Preisverleihung oder einem Jubiläum zusätzlich die Aufzeichnung, weil sich der Moment nicht wiederholen lässt. Der Rest darf aus sein – ein stehender Videoscreen ist unangenehm, mehr nicht.
Erst danach kommt die Technik. Drei Fragen an den Elektriker: Woher kommt der Ersatzstrom? Wie lange hält er? Und wer schaltet am Eventtag um? Entscheiden muss diese Liste aber jemand, der den Ablauf kennt.
Fazit
420 Kilowatt sind eine beruhigende Zahl, bis jemand nachrechnet, was gleichzeitig läuft. Genau deshalb gehört die Stromversorgung früh auf den Tisch und nicht in die letzte Planungswoche – zusammen mit der Frage, was eigentlich passieren soll, wenn sie ausfällt. Eine halbe Absicherung ist dabei die teuerste Variante: Sie kostet wie eine ganze und hilft wie keine.
